Tag 11: Novi Sad – Belgrad

Tag 11: lange ausschlafen und Regelungen zuhause.
Distanz: 87km

Ich war lange wach und fühle mich unausgeschlafen, draussen schneit es leicht, so bleibe ich bis 13.30 bei Uroš, der mich zum Abschied noch ein letztes Mal mit Eiern bekocht. Saša kann mir wohl nicht, wie besprochen, die Stadt zeigen, weil es viel zu tun gibt.
Am Ende will ich kaum gehen, weil ich so herzlich aufgenommen wurde. Doch der Abschied kommt – Uroš schenkt mir seinen alten Schlüsselanhänger, ein orientalischer Schuh mit der abgekürzten, kyrillischen Aufschrift für Serbien. Er sagt, dass ihn die Gespräche wirklich glücklich gemacht haben. Ich fühle genauso und werde ihn lange in Erinnerung behalten, diesen sehr starken, jungen Mann. Danke, Uroš.
In Novi Sad höre ich plötzlich einen Ruf von hinten – es ist Saša auf seinem Randonneur. 20 Minuten könne er Pause machen und wünscht mir in einer englisch-serbischen Mischung alles Gute. Saša mit dieser Geste – mit deiner gesamten Einladung hast du die Herzlichkeit und Gemeinschaft auf der Welt um ein ganz grosses Stück weiter gebracht. Dafür bin ich nämlich auch auf Reisen: um die Gemeinsamkeiten und die Herrlichkeit und Herzlichkeit der Welt zu beweisen. Während Corona und schon davor, habe ich häufig gehört, dass die Menschlichkeit verloren gehe.
Ja, auch ich habe das gemerkt. Vor allem aber habe ich gemerkt, dass ich diese Haltung in mir angenommen habe. Und dafür bin ich auf der Reise: um in mir die Haltung für eine weltumfassende, menschumfassende Liebe zu entdecken und wachsen zu lassen. Ich glaube an das Gute. Und das werde ich euch beweisen :).

Der Wind bläst von NordNordWest – und ich fahre nach SüdSüdOst. Sehr, sehr passend. Somit bläst es mich teilweise mit 35 Sachen über das Flachland. Frohgemut werde ich von einem langen Hügel mit über 200hm komplett ausgebremst.
Bei der Pause in Indija fröstel ich richtig, die Hände werden das erste Mal auf der Tour auch in den Handschuhen richtig kalt. Der Weg führt an einer Hauptverbindungsstrasse und pausenlos werde ich von Lastern und Autos überholt. Zudem ist die Strassenqualität sehr wechselhaft. Doch all dies fühlt sich nicht unangenehm an. Im Gegenteil: ich fühle mich als Teil dieses Verkehrsstroms. Teilweise werde ich mit rhythmischen Hupern angefeuert. Bis ich sogar im Vorortstau Belgrads an den Autos vorbeirolle.
Laneta – eine warmshowers Hostin – antwortet mir, dass ich bleiben kann. Ihr türkischer Freund sei auch da. Somit habe ich ein definiertes Ziel.
In Zemun, ein Vorzentrum von Belgrad führt der Radweg über eine 50m hohe Anhöhe über der Donau. Ich halte an, um die Antwort Lanetas zu überprüfen und werde von Vladimir angesprochen, der mich in sein Restaurant an dieser Strassenecke einlädt. Ich verstehe es zunächst als Kompletteinladung und fühle mich wie ein König in dem sonst leeren Restaurant. Vladimir geht wieder und der Kellner (Nemanja) stellt mir eine Cola, einen Raki und Penne mit 3 verschiedenen Tomaten hin. Der Kamin brutzelt vor sich hin, während mein Fahrrad draussen im Schneeregen steht.
Beim Verabschieden ergibt sich, dass Vladimir mich wohl nur zu den Getränken eingeladen hat. Das Essen bezahle ich gerne, bin nur wieder erstaunt, wie schnell sich bei unklaren Dingen Missverständnisse ergeben.
Dann rolle ich in eine verrückte Stadt. Bisher war ich auf der Tour nur in Graz als einer wirklichen Großstadt, doch Belgrad ist eine andere Nummer: riesige, 8-spurige Brücken über die Donau und Tunnels sowie Auf- und Abfahrten in alle Richtungen. Es wird bereits dunkel und mit leichter Überforderung springen mich tausend kleine und grosse Werbelichter an. Laneta wohnt im südöstlichen Eck Belgrads. Die Strassen spritzen vom Boden, ich werde rechts von Bussen und links von Autos überholt. Und ich habe noch kein „Gefühl“ dafür, wie diese Stadt funktioniert.
Schliesslich komme ich in der Strasse von Laneta an – doch die Nummer 48 finde ich nicht. Am von google maps angegebenen Punkt ist stattdessen die Nummer 8 zu lesen. Ich frage Passanten, die mich allesamt in verschiedene Richtungen schicken. Zudem fällt plötzlich meine Verbindung aus – ich kann also auch Laneta nicht kontaktieren.
Ich frage weiter, erkläre den Passanten auf serbisch und englisch die Hausnummer – sie geben sich Mühe, sichen ebenfalls auf google maps, doch ich erkläre ihnen, dass google maps hier falsch liegt. Ich fahre noch ein weiteres Mal im Kreis, Handschuhe aus, Karte anschauen, überlegen, Handschuhe an und wieder rollen, steil hoch, steil runter, zwischen Shops und Häusern durch und Treppen hoch und runter. Ich werde wütend. Wünsche mir nur, anzukommen. Laneta könnte mich doch auch anrufen? Ich kann mit der serbischen Sim nicht telefonieren. Schliesslich probiere ich es mit meiner deutschen Sim – die Ansage, dass hohe Kosten entstehen kommt, Laneta nimmt aber nicht ab. Schliesslich stehe ich an einer steilen Treppe abwärts. 300m zuvor hat das letzte Haus mit 40 geendet, hier unten könnten also diese Reihe 42-48 sein. Ok. Rad abwärts tragen und tatsächlich, ganz abgelegen ist hier nr 42, 44, 46 und dann: 48! Ich rolle auf die Tür zu, es gibt über 35 Apartments in diesem Haus und klingele bei nr. 26. Ich kann den Namen nicht einmal lesen, da er in kyrillischen Buchstaben dasteht. Ich warte und es passiert… nichts. Ich klingele erneut und wieder und wieder… und fühle mich verarscht. Vielleicht hat sie die komplizierteste Adresse herausgesucht, die es gibt, um mich schliesslich im Regen, allein hier stehen zu lassen?
Ich schreibe Laneta eine kostenpflichtige Sms mit der deutschen Sim:
„Hey Laneta, I am waiting at your door.“
Nach 10 Minuten antwortet sie, dass sie nicht zuhause ist – sie habe ihren Freund angerufen, der sei allerdings am Schlafen. Ich solle klingeln, aber manchmal funktioniere diese nicht.
Also stehe ich im Regen und veranstalte den übelsten Klingelterror, den ich je veranstaltet habe – wieder nichts. Ich kühle aus, ziehe mir die Daunenjacke über, bis irgendwann ein Mann in gelber Jacke herauskommt.
Ivan. Der türkische Freund. Er lässt mich herein. Und alles ist gut.
Die Klingel hat er gar nicht gehört. Laneta hat ihn wohl mehrmals angerufen, nur so habe er gewusst, dass ich unten stehe…
Ivan ist auch erst seit paar Stunden da – von Adana in der Türkei bis nach Belgrad getrampt. Mit einem kopierten, gephotoshopten Pcr-Test. Das scheint wohl zu funktionieren.

2 Kommentare zu „Tag 11: Novi Sad – Belgrad

  1. Fantastisch, da lass ich jeden Roman stehen!
    Andere Kulturen, super spannend!
    Und ein happy ending!
    Fotos sind sehnsüchtig erwünscht!

    Gefällt mir

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