Tag 33: Lüleburgas – Silivri

Mittwoch, 28.04: Distanz 111 km
Morgens kämpfe ich mich gegen den Wind. Zwar ist es, wie angekündigt, deutlich flacher, aber dafür deutlich windiger. Für die ersten 40km brauche ich 3 std.
Dann aber viele Belohnungen.
Leckere Sandwiches, eine geschenkte Flasche Wasser und einen Riegel dazu.

Ergene ubd Çorlu hängen fast zusammen – nur von einem kleinen Flusstal getrennt. Das heisst für mich wiederum: mit 6% bergauf. Ich sehe auf der Karte einen grossen Park. Da ich mit Kaya – warmshowers – ausgemacht habe, dass ich zu ihm komme, erörtere ich die Möglichkeit, mich in den Park zu legen. Es ist 1 uhr. Noch ca. 6 einhalb Stunden für 70km. Wenn der Wind so stark bleibt…
Dennoch entscheide ich mich für die Gemütlichkeit. In einem Landesabschnitt, indem es nur Feld oder Stadt gibt, sollte ich den Park mal nutzen.
Und tatsächlich: eine riesige, vom Verkehr abgetrennte Fläche mit Brunnen, Pflanzen, Wegen und vielen Kindern.
Ich lege mich in den Schatten, Kuku tuts mir gleich.
Die Augen schliessen. Meine Haltung entspricht der Wahl der Strecke: ich fühle mich wie ein Zug, der an einem Band nach Osten gezogen wird. Stetig unter Spannung. Ruhe und Stillstand und Geniessen? Auf der Schnellstrasse nicht vorhanden.
Nach über 30 Tagen hat sich eine von mir erwünschte, innere Ruhe nicht eingestellt. Die Verantwortung für Kuku und eine anfängliche Profilierungssucht anhand meines Blogs habe ich mir angewöhnt.
Deswegen freue ich mich auf die Zwischenstation, auf eine Veränderung mit Kuku.

In der Nähe von meinem Platz stehen Trainingsstangen. 10 Klimmzüge. Dann geht es weiter.
Ich stecke mir Kopfhörer in die Ohren, höre mir Jesper Juuls Buch „Mann und Vater sein“ an, bzw. Bin ich hier schon am Ende angelangt. Männer erzählen von ihren fruchtbaren Familienbeziehungen. Ein Mann erzählt davon, wie er seinem Vater innerlich verziehen hat und dadurch die Beziehung sich stark verbessert hat. Ein Gespräch fand gar nicht statt- es ging nur um seine eigene Haltung. Es berührt mich. Ich sitze tretend auf dem Rad und ich wimmere leicht.
In dem Buch geht es viel darum, dass sich eine Beziehung durch Kinder fundamental ändert wegen einer Fixierung der Frau auf das Kind und der Mann weniger Beachtung findet. Juul empfiehlt eine Einrichtung des „Liebesministers“ in der Beziehung, der für eine weitere Lebendigkeit der Beziehung zwischen dem Mann und der Frau unterstützt.
Ich habe Zeit auf dem Fahrrad meine zerbrochene Beziehung noch ein weiteres Mal zu reflektieren und viel mehr mir selbst zu verzeihen. Und: ich freue mich sehr darauf, in der Beziehung mit Miri die in Juuls Buch gelesenen Dinge zu erfahren, entdecken und auszuprobieren.
Ich glaube, dass wir alle auf der Welt ganz grossartige Kinder sind, die eine Beziehung zu leben und einenander richtig zu lieben, noch lernen können. Es ist für mich dss grossartigste und schwierigste zugleich.

Als ich über die nächste Kuppe komme, sehe ich im Hintergrund das Meer. Die erwartete Freude stellt sich noch nicht ein. Es weiss ja auch nur mein Kopf, dass ich 2.200km geradelt bin, um das Meer zu sehen.
Ich höre mir noch den anderen Vater an, der sich nach einer Trennung andere Väter zum Austausch gewünscht hätte. Dann merke ich, dass ich nicht beides gleichzeitig wahrnehmen kann und beende das Hörbuch.

Noch einen Hügel hinab, noch einen rauf und dann beginnt der Parallelweg durch die Dörfer. Etwa 20 Meter über dem Meer. Irgendeine Zufahrt zum Meer nehme ich und rolle scharf bremsend bergab.
Kuku berührt den Sand und ist genauso begeistert davon, wie vom Schnee. Sie rennt und rennt und rennt im Kreis. Ich finde keine Dusche. Also gibt es nur ein Fussbad. Erinnerungen an einen ausgedörrten Badetag im Meer hindern mich daran, ganz zu baden: ohne die Möglichkeit, dss Salz abzuwaschen, mag ich nicht.
Es geht weiter. Silivri. An der Strandpromenade sammele ich mir die coolste Kartoffel ein, die ich je gegessen habe. Aus einer werden dann gleich 3. (Siehe Video).
Dazu Wlan. Ich schreibe Kaya. Er möchte mich abholen. Ich denke, dass er auf der Hauptstrasse fahren will, ich allerdings auf der Nebenstrasse. Klappt das?
Ich schalte meine deutsche Sim für die mobilen Daten ein, beim Weg zu ihm.
Nach 10 Minuten ist mein Guthaben verbraucht. 49ct pro 50kb. Ich empfange noch seinen letzten Standort, drehe um und siehe da – er ruft mich von der Hauptstrasse.
Es ist 18.57 Uhr.
„Now, i’ve got a problem.“
Die Ausgangssperre für die Türken beginnt bereits um 19.00.
Also fahren wir zum Abschluss dieses langen Tages im Affenzahn auf der Hauptstrasse.
Kaya bekocht mich mit Kartoffelsuppe und Reis und findet über mein Geburtsdatum heraus, dass ich seit einem Jahr viel mehr mache, als zu denken.
Müde. Schlafen ganz kirre bald…

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