Nicht-Wissen

Eine Tafel Schokolade mit Haselnusstückchen liegt neben mir. Ich erlaube meinem Gremlin ein wenig Futter. Denn ich habe Angst. Angst, dass die Muse wieder verfliegt. Und auch Angst davor, wieder ganz ehrlich zu schreiben. Mein Gremlin? Das ist mein Schatten, mein Monster in mir. Er kreiert Chaos, wenn er keine Beachtung findet, wenn ich ihn von mir wegschiebe. Er lebt von Unklarheit und Schadenfreude und suhlt sich in Entscheidungslosigkeit. Genau wie einen Hund kann ich ihn aber trainieren. Kann herausfinden, was er am liebsten mag. Und ihn dann Wunder erschaffen lassen. Denn ihm wohnt eine unendliche Kreativität inne.

Es ist der 12. Oktober heute. Gehen lassen und mich um mich selbst kümmern. In mir Vertrauen finden. Meine Gefühle umarmen und dennoch leben. Das ist heute dran.

Leiser Regen tropft auf die Balustrade an meinem Balkon. Der Nebel zieht durch das Isartal. Die Bäume sind noch immer grün, wechseln aber langsam in ein sanftes Gelb.

Vor mir ausgebreitet liegen ein paar Glasscherben. Mein Leben. Was ist passiert? Ich merke jetzt in meinem Bauch, wie Brutus, mein Gremlin, sich in der Opferrolle suhlen will. Wie er diesen Beitrag dazu nutzen will, Aufmerksamkeit für meine Schmerzen zu bekommen. Ich packe Brutus an seiner Leine und deute ihm ein klares Nein an.

Das Leben besteht aus Veränderung. Und ich vertraue darauf, dass es funktionieren wird.

Nach dem Patellarspitzensyndrom wurde ich bei meinem Arbeitgeber gekündigt. Dann habe ich zugelassen, dass sich jemand mein Tourenrad gegen meinen Willen an sich reißt. Das heißt, mein „Wer bin ich“ war durcheinander. Das „Wohin gehe ich“ wurde unklar. Schließlich habe ich mich an die dritte Frage gekrallt: „Mit wem?“ Und mich damit vollkommen von Miria abhängig gemacht. Das hat bewirkt, dass auch diese Frage ihre Antwort verloren hat.

Seitdem bin ich viel Zug gefahren. Und habe festgestellt, dass ich meinen Impulsen vertrauen kann. Immer, wenn ich den Impuls habe, einen Menschen anzusprechen und es auch tue, entsteht ein kleines Wunder. Ein kleiner magischer Ort an Begegnung.

Und genau das bin ich selbst: Vertrauen. Ich bin auf dieser Welt, um die sie ein kleines Stückchen Richtung Vertrauen zu entwickeln. Nicht nur deinen Mitmenschen, sondern auch ganz fremde. Dem Fremden Vertrauen. Sich im Ungeborgenen geborgen fühlen.

Nehmen wir folgendes Beispiel: An einer vollgeschlängelten Supermarktkasse steht eine Frau mit einem großen Einkauf ganz vorne. Nach dem letzten Pieps sagt die Kassiererin: „67,39€.“

Die Frau kruschtelt in ihrer Jackentasche und sagt dann: „Ich habe meine Geldbörse nicht dabei!“ Sie überlegt kurz, macht hektische Bewegungen und öffnet dann erneut den Mund: „Ich werd‘ schnell nach Haus und hole mein Geld…“

Für mich hat das nicht funktioniert. Ich stand ganz hinten in der Schlange und rief nach vorne: „Ich zahl‘ für sie.“ So bin ich nach vorne und wehrte mich zunächst gegen ihre Ansagen „Ach das muss doch jetzt nicht sein…“, hab meine Bankkarte an den Leser gehalten und das Thema war gegessen. Ich hab ihr meine Bankdaten dagelassen. Sie hat sich riesig gefreut.

Vertrauen bedeutet für mich also, dass ich egal wem dort draußen gutes Verhalten zutraue. Und dadurch entsteht eine Lebensweise, mit der ich noch einen Schritt weiter gehen kann: Es war mir am Ende nicht wichtig, ob die Frau mir das Geld bezahlt. Denn ich glaube fest daran, dass das System Gewinnen-Verlieren bereits überholt ist. Gewinnen geschieht. Und durch das Bezahlen hatten wir beide gewonnen.

Das ist ein Teil meiner Antwort darauf, wer ich bin. Vertrauen, weil ich meinen Impulsen und meinen Gefühlen vertraue. Weil ich sie nicht wegschiebe.

Wir brauchen eine Kultur, in der Vertrauen groß geschrieben wird. Die nicht auf Misstrauen und Gefühle wegschieben beruht.

Ich habe keine Lust mehr auf Klappentexte von Romanen, auf denen steht: „Annali hat mit 12 Jahren beschlossen nie wieder zu weinen.“ Wir brauchen Geschichten, die sich so präsentieren: „Peter hat beschlossen, seine Gefühle voll auszuleben.“

Kennt ihr solche Geschichten? Kennt ihr Bücher, deren Ziel es ist, vertrauensvolle Umgebungen zu beschreiben?

Oder habt ihr selbst es bereits mal erlebt, dass sich etwas unangenehm angefühlt hat, ihr aber durch Vertrauen in euch selbst die Situation gemeistert habt?

Wohin ich mit meiner neuen Antwort gehe, weiß ich noch nicht.

Ich weiß nur, dass ich auf Reisen gehen werde. Denn dort passieren vertrauensvolle Geschichten mit verschiedenen Menschen. Und davon möchte ich erzählen.

2 Kommentare zu „Nicht-Wissen

  1. Lieber Marian,danke, dass Du Deine Gedanken und Gefühle mit uns teilst.Bei Deinen Schilderungen habe ich sofort an den Autoren Ken Wilber gedacht, an das Buch „Wege zum Selbst“ und die darin abgebildete Grafik „Das Spektrum des Bewusstseins“.Von meinem/meiner Galaxy gesendet

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  2. Hab die Mail versehentlich schon abgeschickt.Im Anhang ist die Grafik beigefügt.Die oberste Ebene ist Persona und eben der Schatten, den Du in Deinem Inneren als Gremlin bezeichnest.Schau Dir das doch einmal an, wenn Du magst.Ganz liebe Grüße,EleVon meinem/meiner Galaxy gesendet

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