Söke

„Avoiding danger is no safer in the long run than outright exposure. Life is either a daring adventure, or nothing.“

Helen Keller

Aus den Lautsprechern dröhnt unverständlicher Gesang. Ein Motorrad steht vor mir, ein Polizeiauto, ein ziegelfarbener Kleinanhänger. Hinter mir wird mein zweiter Pide zubereitet.

4 Tage, 200km und etliche Begegnungen später sitze ich in Söke, zwischen Izmir und Bodrum und mir fallen die Augen zu. Der zweite Pide wird gegessen. Das Polizeiauto fährt weiter.
Ich hatte 195km auf dem Plan für heute. Und hatte Angst vor diesem Tag. Eine Abkürzung von Selçuk direkt Richtung Söke ergab allerdings eine zeitliche Verzögerung von zwei Stunden: der Weg war steil mit 500 Höhenmetern Anstieg (was ich vorher wusste) zudem war er allerdings vollkommen steinig und unbefahrbar.
Hinter diesem Anstieg wartete allerdings ein wunderschöner Boulderblock auf mich, den ich von mehreren Seiten bestieg.

Jetzt ist es kurz vor elf. Auf der Strasse warten Wunder. Das verspreche ich euch. Wirklich. Halte die Augen offen.
Gestern traf ich eine türkische Radfahrergruppe, die mir entgegen fuhr. Statt lange nachzudenken und das „Risiko“ abzuwägen, wenn ich in die falsche Richtung weiterfahre, bin ich mit ihnen mit und habe dadurch John kennengelernt – einen Engländer, der im Sommer von Istanbul bis nach Bishkek (Usbekistan) geradelt ist. Gerade befindet er sich auf dem Rückweg.

Und jetzt sitze ich in Omars Jurte. 5km vom Bafa-See entfernt. Er besitzt mit seiner Frau einen grossen Garten und lebt hier. Mein Herz ist mit riesigen Erfahrungen befüllt und tiefe Dankbarkeit berührt mich.
Er hat mir gerade die Grundzüge der türkischen Grammatik erklärt. Jetzt kann ich zumindest halbwegs Verben durchkonjugieren.

Ben yaşarim – ich lebe
Sen yaşarsin – du lebst
O yaşar – er/sie/es lebt.

Wobei man das Subjekt weglassen kann. Zudem werden im türkischen „sein“ noch Adjektive mit reingemischt. Die Antwort auf „Nasılsın?“ (Wie geht es dir?) Kann lauten: „Iyiyim“. Jetzt verstehe ich zumindest halbwegs, warum sich fast alles in einem türkischen Satz so anhört, als wäre es nur ein Wort.

Neben der Jurte stehen drei Zelte. Von Babak, Mehti und Mehtart, drei Iraner, die heute gegen 3 Uhr nachmittags an mir vorbeigeradelt sind. Ich hatte mich gerade nach einem 30 Kilometer langen schnurgerade Ritt gegen den Wind und einem darauf folgenden finalen Anstieg auf eine Anhöhe gekämpft und Wasser getrunken, als etwas ganz Komisches weit entfernt auf der Strasse vorbeifuhr:
Radfahrer. Mit blauen, gelben und roten, leuchtenden Taschen. Handy in die Hand. Rucksack auf den Rücken und los geht es.
Die 3 Iraner sind vor 3 Wochen in Istanbul gestartet.

Ich habe sie überzeugt, dass sie mit zu Omar kommen, eik Warmshowers host. Omar hat stechende, wache gelb-bläuliche Augen.

Betet mit mir darum, dass nicht jeden Tag sooo viel passiert, damit ich mit dem Schreiben hinterherkomme. Denn jetzt muss ich schlafen. Morgen früh geht es vor dem Frühstück nach Kapikiri. Ein altes Städtchen mit ganz vielen Boulderblöcken.
Hayat güsel. Güselsiniz. Das Leben ist schön. Ihr seid schön. Bis bald.

Bisherige Kosten:
299€ nach 6 Tagen. Erwartung: sinkend!

Bisheriger Kontostand an Dingen:

  • Mütze verloren
  • Trinkflasche verloren
  • Souvenirs eingekauft.

Check physischer Körper:

  • Arschweh, Rückenweh. Sehr schlechte Idee mit Rennrad und Rucksack zu radeln!
  • Wunde am Zeh ist passabel
  • insgesamt müde, aber fit

Check intellektueller Körper:

  • Raucht ob des dauernden Sprachebwechsels, will aber immer noch mehr

Check emotionaler Körper:

  • meine Kapazität zu fühlen steigt. Fühle jeden Tag von allen 4 Gefühlen.
  • Austausch auf tieferer Ebene nur wenig vorhanden.

Check Morgenroutine:

  • Morgenmeditation bisher jeden Tag gemacht, wenn auch heute Morgen dabei eingeschlafen.

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