Three Options

„You were born with wings, why prefer crawl through life?“ – Rumi

24.11.21, Mittwoch, 9. Tag seit Abflug.

Ich sitze in Gümüslük, Paradise Garden Apartment in meinem Schlafzimmer. Der Boiler macht dieses „Wasser durch Rohr und Wärme“-Geräusch. Ansonsten ist es still. Nein, nicht ganz korrekt: mein überaus hungriger Bauch blubbert in 13 Sprachen: „Hau Holz ins Feuer!“

Die 3 Iraner sind in Bodrum geblieben. Ich, ja warum bin ich hierher gefahren – zu Berna, einer Frau mit der mich Yusuf und Yasir verkuppeln wollten. Vielmehr dachte ich, die 300km hierher an den wahrscheinlich preislich höchsten Ort der Türkei sei es ob des Meeres und der Wolken und der Insel Kos gegenüber Wert. Erst gestern hat mir Berna geschrieben, dass sie keine Wohnung hat, sondern selbst nur einen Raum in einem Hostel.
Oh, ich bin etwas wütend. Erstens, dass ich von Ayşegül weg bin. Zweitens, dass es mir unendlich schwerfällt, Berna zu sagen, dass ich nichts von ihr will. Weil sie raucht. Und weil ich es nicht mag, wenn man am Laptop sitzt und innerhalb einer Minute 4 mal das Thema wechselt. Ich will Tiefe. Nun ja. Die mannigfaltigen Mann-Frau Gefühle eines wieder zum Teenager gewordenen erwachsenen Mannes. Aber hey: damals war ich eben zu schüchtern um all das zu sehen, verstehen und ausdrücken zu können.

Kommen wir zum interessanten Teil, der mit den schönsten Felsen dieser Welt, mit Gegenwind, Musik und Ermutigung zu tun hat:

Omar. Unser Gastgeber in der Jurte hat vorgestern ganz deutlich gesagt:

  • mit ihm frühstücken
  • Kapikiri und die Felsen anschauen
  • bis nach Bodrum radeln (bzw. Für mich bis Gümüslük)

„Those are 3 options. In one day, you can only pick 2 of these.“
In meiner „ich kann das aber doch“-Haltung (ich mein: Gegenbeispielsortierer und so, bzw.: challenge accepted!) Wollte ich natürlich alle 3 haben. Also klingelte mein Wecker um 6.46 Uhr. Und das obwohl Omars Hahn um 3 Uhr nachts krähte, seine beiden Hunde um 4 ein halbstündiges Konzert gaben und seine 4 (oder 5?) Katzen im Wechsel eine zum Rausgehen miaute und beim Öffnen der Tür 2 andere wieder hereinkamen. Nur um dann spielend durch die Jurte zu rennen.
Dementsprechend war die Morgenmeditation wieder mit einigen Schlafsekunden durchzogen.
7.30 Uhr Abfahrt. Mehti und Babak stehen bereit. Die Dämmerung hat begonnen. Wir tragen die Fahrräder über die zebrochene Brücke. Das Ziel: Kapikiri. Ein historischer Ort am Nordostrand des Bafasees. Wenn man von Norden kommt fährt man zunächst 20km an dessen Westrand vorbei, sieht wie der See zwischen buschigen Hügeln (in der Türkei bedeutet Hügel etwa 200 Höhenmeter grosse Steinhaufen) eingerahmt ist. Und der Tekerlek Tepe, ein Berg mit einer Nennhöhe von 1.332 Metern war bereits von Söke aus sichtbar mit seinem der Kampenwand ähnlichen Felsüberzug, der in meinem Mund sofort Speichelfluss auslöste. Leider war in meiner Karte kein einziger Pfad zum Gipfel eingetragen. Und die Erfahrung mit Aysegül im Norden Izmirs hat mir gezeigt, dass wegloses Wandern in der Türkei wegen seiner zackigen, spitzen Pflanzen wenig zu empfehlen ist. Ich schweife ab: die Felsen in Kapikiri sind das interessante. Omar erklärte es ungefähr so: „You dont like rocks? After seeing Kapikiri you will love rocks.“ Und erklärte es an seiner eigenen Erfahrung. Also waren meine Erwartungen hoch. Für jemanden wie mich, bei dem die Vorstellung des Streichelns der abgespeckten Felsstruktur am Buchstein, oder das Rennen, Springen und Tänzeln über die von Steigeisen abgekratzten Wege am Jubiläumsgrat pure Erregung auslöst; für jemanden, der beim Anblick eines schönen Felsens auch mal eine Vollbremsung hinlegt, nur um einmal dort oben zu stehen, musste hier schon viel kommen.
Und: ja, das war es Wert. Ein 17km langer Abstecher durch ein Meer an rotbraunen Felsen, die so nah an der Strasse und so nah am Boden sind, liess nicht nur mein Herz höher schlagen:
Beim ersten direkt zur Strasse führenden Felsen warf ich das Rennrad auf die Strasse und rannte den steilen Felsen hinauf. Babak hinter mir: „You are like a spider!“ Hinter diesem ersten Felsen ging es zu einem weiteren, etwa 20 Meter hohen, senkrechten Block, den ich umkreisen musste, um ihn von hinten zu besteigen. Die Kletterei war hier etwa im II. Grad anzusiedeln, für mich noch immer erschwert, da links stehen noch nicht richtig klappt wegen Fusschmerz.

Oben angekommen rief ich meine Bewunderung für das Leben und die Welt in den Himmel hinaus. Mehti war mir auf den ersten Felsen hinterhergeklettert und jaulte wie ein Wolf, Babak stand unten.
Kurze Zeit später erklärten mir die beiden, dass sie sich mit einem schimpfenden Transportwagenfahrer auseinander setzen mussten, weil mein Rennrad mitten auf der Strasse lag.
Mehti spricht nur sehr gebrochenes Englisch. Er kommt aus dem kurdischen Teil Irans und spricht deshalb ein türkisch, mit dem er sich hier überall unterhalten kann. Dagegen spricht Babak kein türkisch aber perfektes Englisch. Gemeinsam sprechen sie Farsi. Medart, der dritte in der Runde hat sich nicht gut gefühlt und ist im Zelt liegen geblieben.
Sprachbarrieren lösen in mir gemischte Gefühle aus. Zum Beispiel verfiel ich bei Mehti ein paar mal in das „Worthelfen“. Wenn ihm ein Wort nicht einfiel, schlug ich ihm eines vor. Das erinnert mich an eine Beschreibung in Keith Johnstones‘ „Theaterspiele“, in der es um Beispiele geht, wie man es einem Menschen in der Kommunikation, bzw. Im Aufbau von Nähe schwer macht: ins Wort fallen, bzw. Sätze beenden. Ich habe einen sehr hohen Anspruch an meine Fähigkeit, zuzuhören. Das heisst: jemandem ins Wort zu fallen oder die Sätze zu beenden geht für mich nicht. Es würde sich für mich als Sprechender so anfühlen, als wolle der ins Wort fallende nur selber reden. Aus meiner Sicht geht es bei Kommunikation um Verbindung. Und die entsteht vor allem, wenn sich der Sprechende verstanden fühlt.
Tja. Und das fällt mir bei einer Sprachbarriere sehr schwer. Ich stehe also mehrmals am Tag mit gemischten Gefühlen vor Mehti, schlage ihm Wörter vor und bin gleichzeitig sauer auf mich, dass ich nicht einfach zuhöre und begegne ihm deshalb auch nur wenig.
Mehti ist ein grösser Hüne, der bei jeder noch so kurzen Radelpause mit Dehnübungen anfängt. Und, er hat sich erst vor einem Monat ein Fahrrad gekauft.
Dagegen hat Babak seinen Laden vor 2 Jahren verkauft und mit dem Reisen angefangen. Babak erzählt mir von einer Kanadierin, die er in Izmir kennen gelernt hat. Da fällt mir sein stetiges, leichtes Grinsen ein. Oh ja. Dieser Mann ist leicht verliebt.

Mir bricht es nach all diesen Felsen das Herz, wieder zu gehen. Wie 3 pubertierende Affen sind wir von Felsen zu Felsen und von römischer Ausgrabungsstätte zu weiterer Ruine gehüpft. Und dann wieder zurück zum Frühstück zu Omar – 40 Minuten später als ausgemacht. Doch Omar hats gerochen und das Frühstück ist gerade erst fertig.
Es gibt „leider keine Eier“, da seine Hühner sich wohl winterbereit machen. Dafür gibt es Frühlingszwiebeln mit Käse, einen dicken Bergkäse, Oliven und das erste Mal seit dem Betreten der Türkei richtiges Brot. Ekmek, türkisch für Brot, oder Simit, oder sonstwas die Türken als Brot verkaufen würde jeder deutsche Bäcker als Beleidigung ansehen. Und ja, Omar hat wahrscheinlich recht: das, was er uns präsentiert ist wahrscheinlich eines der besten Brote der Türkei:
Weich und feucht gebackener Roggen.

Es geht los. Medart bleibt noch, er würde nachkommen, heisst es. Omar jongliert zum Abschied mit den Orangen. Dann ab auf die Strasse gegen den Wind.
Für die beiden Jungs wird es ein mutiger Kampf. Für mich eine deutliche Erleichterung, da ich mich pausenlos unterhalten kann und damit die Schmerzen im Hintern nicht merke. Wenn man die Stadt Milas nicht ansteuern will, gibt es eine gelungene Abkürzung zwischen den etwa senkrecht aufeinander zulaufenden Highways: über Yasyer. An einer Strassenecke fallen wir über einen privaten Orangenbaum her. Keiner von uns schert sich über den Schalenhaufen, den wir hinterlassen. Schliesslich gibt es Mittagessen. Babak will zu einem Markt, während ich ein Restaurant vorziehe. Letzteres finden wir nur bei einer älteren Dame, für die Mehti übersetzen muss. Sie macht mir schliesslich mit Käse, Tomaten und Zwiebeln gegrillte Brote mit Ketchup und Majo. Eine vollkommene Improvisation ihrer Vorstellung von „vegetarisch“, die ich zwar akzeptiere, aber nicht nach dem Preis frage. Während ich weiter im Norden noch für 2 mal Pide und 4 Getränke 50 Lira bezahlt habe, komme ich hier schliesslich mit 3en dieser sehr einfachen Brote und Getränk auf 67 Lira. Erst spät abends soll ich erfahren, dass dies hier wohl die teuerste Gegend der Türkei ist.
Der Wind schiebt uns schliesslich zu den letzten beiden mächtigen Hügeln kurz vor Bodrum. Während Mehti bei jedem Downhill in die Pedale tritt als gäbe es kein Morgen (und dann an mir vorbeibraust), zeigt Babak an den ersten 500 Metern eines Anstiegs seine guten Kletterqualitäten. Dennoch geht es beim Radfahren um Konstanz. Und ich, mit Rennrad und viel weniger Gepäck durchaus privilegiert, stehe an beiden Hügeln für ein paar Minuten und ruhe mich aus.
An der letzten Anhöhe und Ampel endet unser gemeinsamer Weg fürs Erste. Die Jungs suchen sich ein Hotel in Bodrum direkt und für mich geht es noch 20 Kilometer durchs Hinterland. Ich heize in der Dämmerung in die Feierabendrushhour einer türkischen Stadt und sehe am Horizont die zackigen Hügel einer Mittelmeerhalbinsel mit dem brennenden Rot zwischen dunkelgrauen Wolken und stelle mir vor, dass diese Menschen noch nie einen Radfahrer gesehen haben, der sie bergauf überholt. Ich blase mir mehrmals Laktat in die Oberschenkel und komme schliesslich doch voll in die Dunkelheit. Ich komme am Apartment an. Dort sitzt eine rauchende Berna. Meine erwartungsfrohe Laune wird etwas geschmälert.
Schliesslich liege ich nach einer wunderbaren Dusche im Bett mit einer schnurrenden Katze auf dem Schoss, die nicht wie die meisten Katzen sich erst 5 mal im Kreis dreht, bevor sie schlafen.
Ich mache die Augen zu und träume von Ayşegül, von Felsen und Wasser, von einer urkomisch-absurden Kommunikation mit Miri und von Babak, Mehti, lauten, stinkenden Strassen und Omars leuchtenden Augen.

Wer bin ich?
Ich bin der Agent of faith. Ich verkaufe Umhänge. Du hast Angst? Probier ihn aus. Dann wird sich deine Angst in Mut un Vertrauen verwandeln.
Gute Nacht

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