Weiterdonnern

26.11.2021

„When you concentrate, even a phone book becomes interesting. Perhaps your life is boring because you are not concentrating.“ – Haemin Sunim

Ich stehe im Sok-Supermarkt. Mein Rücken lehnt am Gefrierschrank. Ich habe Gänsehaut am ganzen Körper. Nicht wegen der Kälte. Sondern, weil ich mich an die Langsamkeit erinnere. An mich. Und, dass ich mit Achtsamkeit alle Fasern lieben kann. Nur am Rande habe ich heute Jans Nachricht gelesen: „Leg dich an ’n Strand und Chill.“ Das hat er geschrieben, nachdem ich ihm mitgeteilt habe, dass das Radeln wohl erstmal ausfällt; statt Patellar ist es diesmal wieder der Meniskus rechts aussen. Die Schmerzen wurden unterwegs so groß, dass ich schreiend auf dem Rad saß und richtig schlechte Laune bekam. Sogar die bunten, roten, grünen und braunen Blätter, die verbrannten Bäume dazu, haben keine Freude ausgelöst. Und natürlich habe ich mir nicht sonderlich viel Pause erlaubt. Ich wollte unbedingt weiter, es irgendwie bis nach Akyaka schaffen, wo es so schön sein soll.
Wenn ich das erlebe, dann erinnere ich mich häufig an Menschen, deren Lebensgrundhaltung und Äusserungen ich wenig verstehe: sie jammern und halten sich am Schmerz fest. Da ich allerdings in den meisten Fällen nahezu keine Wehwehchen habe, bin ich hier etwas privilegiert.
Es kamen heute dennoch 87km und 1500hm raus. Auf eine perverse Art und Weise bin ich Stolz darauf. Der Stolz des Helden, der die Straße erobert hat. (Ironie: off)
Stolz bin ich auf den Moment im Yakamoz Pide hier in Ören. Nachdem ich meine beiden Käse-Teig-Schiffchen vernichtet hatte, saß ich lange da und habe das Geschehen beobachtet. Der typische Türke am Ofen: kerzengerader Haarschnitt, etwas Bart, bisschen sportlich breit gebaut. Ein Yakamoz-Shirt an steht er an seiner Teig-Ausrollmaschine und lässt sich die länglichen Teigfäden herausgeben. Der Belag: meist Hackfleisch und Käse – in meinem Fall Tomaten, Käse, Peperoni – wird darauf gelegt. Dann werden die Seitenplanken des Schiffes hochgeklappt und schon geht es auf heisse Jungfernfahrt. Das jungfräuliche Schiff erhält für sein kurzes Leben eine harte Schale, um dann seiner eigentlichen Bestimmung, gegessen zu werden, gerecht zu werden.
„Beş Lahmacun y bir Ayran.“ Sagt er zu der jungen Bedienung, sie packt es ein und der blonde Fahrer mit langen Haaren setzt sich den Helm auf.
Die junge Bedienung hat leicht Akne im Gesicht und grosse, freundliche Augen, einen deutlichen, roten Lippenstift. Sie trägt ein enges Oberteil und eine enge Hose. Obwohl sich ihre Speckrollen (Anmerkung der Redaktion: ja, Rollen, nicht „Röllchen“) ganz deutlich darunter abzeichnen macht sie ihre positive Ausstrahlung zu einer natürlichen Schönheit.

Aber kommen wir noch einmal zu Elke, von der ich heute morgen weggefahren bin. Sie ist ein besonderer Mensch, mit einer besonderen Lebensgeschichte. Vielleicht komme ich einmal in den Genuss, diese im Detail aufzuschreiben.
Doch hier die Eckdaten:
Ursprüngliche Fränkin, nach dem Abi bei Burgau gewohnt, zog sie mit ihrem ersten Mann nach Amerika. Seine körperlichen Angriffe brachten sie 7 Jahre später nach Australien, wo sie 19 Jahre wohnte und grösstenteils alleine ihre 4 Kinder großzog. Als ihre letzte Tochter ausgezogen war, beantragte sie Kredit für einen grossen Bauernhof, auf dem es Workshops für Naturerlebnisse geben sollte. Am Abend, als der vierte Kredit abgelehnt wurde, saß sie mit ihrem besten Freund aus Nürnberg bei einem Skype-Call und trank insgesamt 2 Flaschen Wein. Nach diesem Call verbrachte sie noch ein paar Stunden am Computer.
Am nächsten Morgen, öffnete sie halb verkatert ihr Email Postfach und es traf sie der Schlag:
In ihrem Delirium hatte sie insgesamt 27 Flüge und einige Reisen und Unterkünfte gebucht.

Aus dieser Aktion entstand, dass sie über mehrere Monate immer wieder nach Istanbul flog als Ausgangspunkt und sternförmig weiter flog. Daraus ergab sich die Liebe zur Türkei, in der sie jetzt noch immer lebt. Ach ja, natürlich gab es noch den 1,5 jährigen Abstecher als Englischlehrerin im Irak.

Jetzt hat sie ein kleines Häuschen in Koyunbaba und eine Mietswohnung in Istanbul und arbeitet remote als Deutschlehrerin.

Ihre Geschichte hat in mir eine Erklärung für meine Reisen hergebracht: die Vorstellung, sich in einem unbekannten Land ein Leben aufzubauen, reizt mich ungemein.

So. Jetzt möchte ich aber erstmal an meinem Romankonzept weiterarbeiten. Ende und Out.

Heute war übrigens der erste Tag, an dem ich keine fremde Person angequatscht oder kennengelernt habe. Yes. Einfach mal alleine vor mich hindonnern. Ich bin gespannt wie es weitergeht. Wenn das Knie nicht mitmacht, dann trampe ich eben weiter.

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