Lebendig

“You are not on this planet to produce anything with your body. You are on this planet to produce something with your soul.” – Neale Donald Walsh

Es ist der 3. Dezember, bereits 3 Uhr nachmittags. Bis vor 3 Jahren habe ich nie Zeiten in Hotels verbracht. Mittlerweile geniesse ich die Ruhe und Klarheit in diesem jedes Mal neuen Zimmer, das ich mein eigen nennen darf.
Die Balkontür steht offen. Die tiefe Balustrade öffnet den Blick auf die riesige Bucht von Marmaris. Der Himmel ist grau. Mein schwarzes Handtuch vom Bad Gastein Ultraks hängt triefend auf der Lehne des Stuhls. Die Palmen fiedeln im Wind. Ein kleines Segelboot „rollt“ gen Hafen. Die Strasse direkt unter mir ergibt regen Verkehr.

Warum ich dieses Hotelzimmer mag, liegt auch daran, dass ich meine eigene Wohnung, mein eigenes Zimmer bisher (unter anderem) mit unaufmerksamer, zerstörerischer Energie gefüllt habe:
Unaufgeräumt, keine klare Zuordnung für die Dinge, zu viele Dinge – das alles aus Verhalten in traurigen und wütenden Phasen entstanden. Kennt ihr das? Erschöpft nach Hause kommen und der beste Freund, oder eher: das Date hat gerade abgesagt und ich achte nicht mehr auf Ordnung, werfe alles hin, weil „dazu habe ich jetzt keine Kraft mehr“. Das wurde bei mir zur Gewohnheit.
Das möchte ich ändern. Achtsam mit meinem Wohnort umgehen und einen Ort kreieren, an dem ich wachsen kann. Das fühlt dich gut an.

Es sind ein paar Tage vergangen. Entdeckungstouren in matschigen, geschlossenen Klettersteigen, Sonnenbaden im Dezember, Kälte und Wärme gemischt und viele verschiedene Gaumenschmäuse von leckeren Omelettes, salzig-opulentem Käse und fast klassisch: Ravioli in Gorgonzola-Soße.
Das alles wird aber von den Menschen übertönt. Denn wie schon Alexander Supertramp in seinem Sterbebus erkannt hat:
„Happiness is only real when shared.“
Deshalb erzähle ich eine Kette von Menschen, denen ich begegnet bin:
Deniz in Denizli, die mich über Couchsurfing kontaktiert bei sich aufnimmt. Psychologin. Als ich in ihr Auto einsteige, merke ich vom ersten Moment eine warme, verständnisvolle Atmosphäre. Dunkle Haare, gelbe Jacke, sie wiegt sicher knappe 100 kg. Wir gehen Abendessen. In ein spezielles Restaurant von einer Diätmeisterin geführt. Deniz hat seit 6 Monaten ein Abo hierfür und bekommt täglich 3 Mahlzeiten entweder geliefert, oder kann sie im Restaurant zu sich nehmen. Ich bekomme das gleiche Essen:
Brokkoli-Bulgur Salat. Kein Salz, kein Fett. Ein paar Granatapfelkerne und Essig. Mein ganzes System schreit: „Was?“ Das soll das Hauptgericht sein? Doch ich lasse mich darauf ein, versuche langsam zu essen und die Zutaten wahrzunehmen.
Das ganze Paket kostet 2.400 Lira im Monat.
Deniz erzählt mir hierzu ihre Geschichte- wie sie früher gegessen hat und wie schlecht sich das auf ihren Körper ausgewirkt hat. Zudem kocht sie ungern. In ihrer Welt, in ihrer Vorstellung empfinde ich das eine geniale Wahl. Ich sage ihr, wie schön ich das finde, das sie für sich sorgt.
Jaro und Pietro kommen in der Nacht um 4 an. Sie sind seit mehreren Wochen trampend unterwegs. Jaro, ein untersetzter Wuschelkoof und Pietro hochgewachsen, kurze Haare, jugendlicher Schnauzer. Beides offensichtlich Kletterer. Ich empfehle ihnen den Bafa-See.

Dann trampe ich von Denizli nach Marmaris. Zunächst erwische ich ohne Wartezeit zwei Busse über Tavas und Kale. Dort nimmt mich Mulat in seinem LKW mit. Sonnenbrille, Pferdeschwanz. Während der ganze Fahrerraum wackelt schenke ich ihm Wasser in einen Becher ein und saue mich dabei ein.
Mit 30 Sachen rollen wir über den 1.100 Meter hohen, namenlosen Pass.
In Mugla schnappt mich ein Handy-Gamedesigner auf und schliesslich nimmt mich wieder eine Psychologin mit.
Statt bis nach Marmaris reinzufahren, steige ich 5km vorher aus und wandere „Misty mountains“ singend mit beeindruckender Aussicht gen Stadt. Kurz vor der Stadt höre ich es pfeifen und schreien. Die heimische Schule hat gerade ein Volleyball-Turnier. Da ich Sport einfach liebe, stelle ich mich an den Zaun, beobachte die Leute und das Spiel. Die ganze Schule scheint für das Turnier frei zu haben. Hunderte stehen drumherum. Als ich am Zaun stehe, schauen manche viele der Schüler zu mir herüber. Die fast fraulichen Mädels schauen schüchtern, blicken wieder weg. Und ein junger Herr – Mustafa, traut sich aus seiner Jungsgruppe immer wieder heraus. Er sagt, ich sei so schön. Und er möchte Geld von mir. Und lacht dabei. Ich sage ihm, dass er mutig ist. Nur Mut reicht nicht, um grosse Dinge zu vollbringen. Eine junge Schülerin erklärt: „he is so rude.“ Und erklärt, dass sie dich für ihn schämt.
Ich beobachte gleichzeitig, dass Team rechts für etwa 5 Punkte am Ball ist. Trotzdem hat Team links in dieser Zeit irgendwie einen Punkt bekommen.
Dieser kleine, feine Punkt kommt später auch noch dazu.
Also kommt, was kommen muss: es gibt nach dem Match einen Tumult. Der Junge, der rechts neben dem Punkteanzeiger saß, wird von einem der Spieler von Team rechts aufgemüpft, er droht, ihn zu verprügeln.
Schliesslich gibt es ein Rematch, da die Punkte wohl nicht richtig gezählt wurden.

Es zieht mich irgendwie in Schulen. Kinder und Jugendliche leben in einer lebendigen Dynamik. Da passiert viel mehr als unter Erwachsenen. Sie sind neugierig, aufmüpfig, dreist und interessant. Wo gibt es überhaupt so grosse Gruppen unter Erwachsenen?
Erwachsene Begegnungen verlaufen hier häufig so:
„Almanya? I got a cousin…“ sie verfallen sofort in eine Erzähleritis. Wie stolz sie darauf sind, dass irgendjemand aus der Familie in Deutschland wohnt.
Kinder und Jugendliche erzählen etwas anderes. Ihre Welt funktioniert nicht so in Schubladen.

Es ist warm und ich wandere durch Marmaris. Suche ein Hotel. Der Wunsch, mich 2 Tage einzubuchten, ohne Handy zu leben, ist gross.
Auf der „Sunset“-Seite würde ich 500 Lira bezahlen. Das ist mir zu viel.
Das für 200 Lira ist schäbig. Schliesslich werde ich für 300 fündig. Mittlerweile nur noch 22€. Der Lira fällt und fällt. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie sich die Türken fühlen unter diesen wirtschaftlichen Veränderungen.
Im Icmeler Canyon soll man klettern können.
Also geht es dort hinüber. Felsen, Felsen und Felsen. Ich renne durch die Strassen dieses kleinen Nebenortes und fange fast an zu sabbern. Freue mich darauf, dass mein Klettertier aufwacht und Spass bekommt.
Um 16.30 Uhr steige ich in den matschigen Canyon ein. Steige rechts und links an der braunen Suppe vorbei und bleibe schliesslich stecken. Äste helfen mir, wieder herauszukommen. Dennoch bekomme ich langsam Angst: hier wieder zurückzusteigen will ich nicht. Und wie weit muss ich weiter, um hier wieder herauszukommen? Und bald ist auch noch das Tageslicht aus.
Es wird dann doch noch gut.

Beim Abendessen setze ich mich zu 2 Frauen. Lada und Olga. Sie dürfen gleich wieder das 6-Bilder-Spiel spielen. Lada ist davon nicht so angetan, sie wirkt sich eher verschlossen, während Olga den Moment magisch findet. So passiert es, dass Lada sich nach 1 Stunde verzieht und wir zwei – ein Coach und eine Energieheilerin – schliesslich den ganzen Abend miteinander verbringen.

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